Nachruf – Ricardo Gevert
Mit Ricardo Gevert Detto ist eine Persönlichkeit der deutsch-chilenischen Gemeinschaft verstorben, die über Jahrzehnte hinweg in unterschiedlichen Bereichen Spuren hinterlassen hat – in der Bildung, im Sport, in der Wirtschaft und im gesellschaftlichen Engagement. Der Unternehmer, Berater, Autor und langjährige Bildungsmanager wurde 1957 als Ältester von Dieter Geverts drei Söhnen in Santiago geboren. Er war Ehemann von Marie-Christine Reinhardt, mit der er die drei Söhne Cristóbal, Juan Pablo und Sebastián hatte, und war Großvater von sieben Enkeln.
Ricardo Gevert entwickelte nicht nur Ideen, sondern setzte sie auch tatkräftig um. In seinem beruflichen Leben beschäftigte ihn eine Frage besonders: Warum viele gute Strategien im Alltag scheitern. «Ich arbeite dort, wo die meisten Strategien scheitern – in der täglichen Umsetzung», schrieb er über seine Arbeit.
Diese Überzeugung prägte seinen Weg als Unternehmer, Berater und Autor. Nach seinem Abschluss an der Deutschen Schule Santiago1974 machte er einen Abschluss als Industriekaufmann in Deutschland. Er selbst bezeichnete sich als «Autodidakt in ständiger Entwicklung».
In München arbeitete er zunächst bei Wacker Chemie, bevor er bereits im Alter von 30 Jahren zum Geschäftsführer der Tochtergesellschaft Wacker Mexicana berufen wurde. In dieser Funktion verantwortete er die Entwicklung der Märkte in Mexiko und Teilen Lateinamerikas. In seinem Berufsleben hatte er verschiedene leitende Positionen in Chile und im Ausland inne.
«Ich bin in Chile geboren und wurde dort ausgebildet, habe aber auch eine gute Dosis deutscher Kultur und Bildung erhalten», sagte er. 1991 kehrte Gevert nach Chile zurück und gründete gemeinsam mit Partnern die Beratungsfirma Gevert & Reinhardt, die sich auf strategische Transformation und Organisationsentwicklung spezialisierte. Über viele Jahre beriet das Unternehmen Firmen und Institutionen in Chile, Mexiko, Argentinien, Guatemala und Deutschland.
Parallel dazu entwickelte Gevert eigene Managementansätze, beeinflusst von europäischen Managementtraditionen und strategischen Konzepten wie der Engpasskonzentrierten Strategie. Ein besonderer Abschnitt seines Lebens begann 2008, als er die Leitung der Corporación Educacional Federico Froebel übernahm. Als Geschäftsführer verantwortete er bis 2015 die strategische und organisatorische Entwicklung des Bildungsverbunds, zu dem unter anderem die Deutsche Schule Santiago und die Deutsche Schule Chicureo gehören.
In dieser Zeit begleitete er bedeutende Reformen, institutionelles Wachstum und neue Kooperationen im deutsch-chilenischen Bildungsbereich. Auch international war er aktiv und vertrat die Institutionen in der Weltvereinigung Deutscher Auslandsschulen sowie gegenüber deutschen Bildungseinrichtungen und Behörden. Im Jahr 2018 zeichnete ihn das Lehrerbildungsinstitut (LBI, heute Epa) mit der Ehrenmedaille aus.
Konsul Kurt Hellemann unterstrich in seiner Laudatio Geverts großen Verdienst, «in einer entscheidenden Phase der Entwicklung des Lehrerbildungsinstituts mit großer Umsicht, nicht nachlassendem Engagement und beeindruckender Tatkraft dazu beigetragen zu haben, dass die Studiengänge des LBI unter dem Dach der Universität Talca in der dort neu gegründeten Fakultät für Erziehungswissenschaften einen Platz finden und damit langfristig die deutschsprachige Lehrerbildung in Chile auf ein solides Fundament gestellt werden konnte». Ricardo Gevert entstammt einer äußerst sportlichen Familie. Die Familie Gevert hat über mehrere Generationen Leistungssport getrieben und Chile bei vielen Gelegenheiten in mehreren Sportarten vertreten.
Schon in seiner Jugend zeigte Ricardo eine außergewöhnliche Begabung. Als Leichtathlet dominierte er in Chile die Wurfdisziplinen und gewann 1973 beim südamerikanischen Nachwuchsturnier in Argentinien eine Goldmedaille im Diskuswurf sowie weitere Medaillen in Kugelstoß und Speerwurf. Im selben Jahr wurde er zum besten Athleten des Club Manquehue gewählt.
Später verlagerte sich sein sportlicher Schwerpunkt auf den Volleyball. Mit dem Club Manquehue wurde er Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre viermal nationaler Vereinsmeister, spielte zeitweise in der chilenischen Nationalmannschaft und trat mit seinem Verein auch bei südamerikanischen Wettbewerben an. 1984 führte ihn der Sport erneut nach Deutschland, wo er eine Saison als semiprofessioneller Spieler in der Bundesliga für den TSV 1860 München spielte.
Auch nach dem Ende seiner aktiven Sportkarriere blieb er dem Volleyball eng verbunden. Über mehr als ein Jahrzehnt engagierte er sich ehrenamtlich als Präsident der Volleyballabteilung des Club Manquehue und leitete zeitweise auch die Asociación de Vóleibol Cordillera in Santiago. Mit großer Leidenschaft setzte er sich für Nachwuchsarbeit, Vereinsorganisation und die Entwicklung des Volleyballsports ein.
In den letzten Jahren widmete er sich intensiv der Entwicklung seines Managementmodells Prospira, das sich mit der strukturierten Steuerung von Organisatio-nen und menschlicher Zusammenarbeit beschäftigt. Vorträge und Onlinekurse waren für ihn Möglichkeiten, seine Erfahrungen weiterzugeben und Diskussionen über Führung, Organisation und Verantwortung anzustoßen. Auch als Autor war er tätig.
Dem Cóndor sagte er bei der Vorstellung seines Buchs «Martina de Chamiza» im Juni 2025, dass das Schreiben von jung auf seine Leidenschaft war: «Ich merkte schnell, dass es eine erstaunliche Möglichkeit war, meine Gedanken zu verlangsamen und Ideen wirklich zu verarbeiten – super hilfreich für einen kreativen, oft hyperaktiven Geist wie meinen! Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder Ideen und Reflexionen gesammelt, zuerst privat, dann auf meinem Blog. » Ricardo Gevert begann seine schriftstellerische Laufbahn mit praxisnahen Büchern für die Geschäftswelt, darunter «Herramientas para Coaches» und «Turbo para Pymes».
Danach wandte er sich der Belletristik zu: Sein erster Roman «Anima(te)» ebnete den Weg, gefolgt von «Pegas en Chilensis», einer humorvollen Kurzgeschichtensammlung über verschiedene Berufe, die seinen bislang größten Erfolg darstellte. In den letzten Jahren widmete er sich erneut dem Roman und veröffentlichte «El Diablo en la Parrilla», «Pemba y el Espejo del Infinito» und zuletzt «Martina de Chamiza». Wer dem vielseitig begabten Mann begegnete, beschrieb ihn häufig als charismatisch und motivierend.
Weggefährten heben seine analytische Klarheit, seine Fähigkeit zuzuhören und seine Empathie hervor. Gleichzeitig besaß er einen ausgeprägten Sinn für Humor und eine große Freude am Austausch mit anderen. Er selbst bezeichnete sich als «systematisch, spirituell, strategisch, optimistisch, ausdauernd und neugierig» – Eigenschaften, die viele seiner Freunde und Kollegen bestätigten.
In seinem persönlichen Selbstverständnis spielten Familie und Freundschaften eine zentrale Rolle. Er schätzte Gespräche, Reisen und Momente der Reflexion ebenso wie die Herausforderung, neue Ideen zu entwickeln. Diese Mischung aus analytischem Denken, menschlicher Nähe und geistiger Offenheit prägte seinen Weg.
Mit Ricardo Gevert verliert die deutsch-chilenische Gemeinschaft einen engagierten Gestalter, der Bildung, Unternehmertum, Sport und gesellschaftliches Engagement miteinander verband. Sein Wirken bleibt in vielen Projekten, Institutionen und persönlichen Begegnungen lebendig.
¿Te pareció importante esta noticia?
Compártela y mantén informado a Chile